Tagebucheintrag – 27.05.2025, 23:57
Man redet immer vom Aha-Moment – als wäre jedes Verstehen ein Licht, ein Erwachen, ein Befreiungsschlag. Doch was ist mit den anderen Momenten? Den dunklen? Jenen, bei denen das Verstehen nicht erlöst, sondern verletzt? Wo Einsicht kein Triumph ist, sondern ein stilles Brennen unter der Haut?
Ich glaube, ich habe heute so einen Moment erlebt. Einen “Autsch-Moment”. Ein verzweifeltes Aufblitzen von Klarheit, das nicht befreit, sondern bloßlegt. Und während ich das hier schreibe, spüre ich es noch: dieses dumpfe, brennende Ziehen im Brustkorb. Als hätte ich mich selbst ertappt.
Wobei?
Dabei, mich selbst zu belügen.
Es gibt Wahrheiten über mich – kleine, scharfe Dinge – die ich sehr lange umformuliert habe, weil ich sie nicht tragen konnte. Ich habe sie neu verpackt, mit hübschen Worten verziert. Ich hab mir eingeredet, dass ich so bin, wie ich sein wollte – nicht wie ich bin. Ich habe Rückschläge zu Erfahrungen umgedichtet, Scham in Stolz umgewandelt, Verlust als Befreiung deklariert. Ich war kreativ in der Flucht. Elegant in der Verleugnung.
Und manchmal funktioniert das auch. Man lebt damit. Man geht weiter. Aber dann kommen diese Abende – oder Nächte wie diese – in denen etwas in mir nicht mehr schweigt.
Ich denke zurück.
An Dinge, die ich getan habe.
An Dinge, die mir passiert sind.
Und ich sehe nicht mehr das hübsch gedrehte Narrativ
– ich sehe die Rohfassung.
Ich sehe mich selbst in einer Szene, von der ich mich lange emotional abgekapselt habe.
Und plötzlich trifft es mich wie ein Echo aus der Vergangenheit.
Ich war nicht nur verletzt. Ich habe auch verletzt.
Ich war nicht immer Opfer. Ich war manchmal auch Täter.
Ich war nicht immer unschuldig, ich war oft stur.
Ich war nicht immer „auf meinem Heilungsweg“. Manchmal war ich einfach nur feige.
Verstehen tut weh.
Nicht, weil die Erkenntnis so schlimm ist – sondern weil sie echt ist.
Sie entzieht mir das Recht auf das bequeme „Ich konnte ja nichts dafür“.
Sie zieht mich in die Verantwortung.
Und das ist schwer. Denn Verantwortung ist kein Kissen. Es ist eine Last.
Ich frage mich manchmal, ob unser Gehirn wirklich uns schützen will – oder nur seine eigene Illusion. Vielleicht ist das Verdrängen nicht Feigheit, sondern ein letzter, verzweifelter Versuch, ein stabiles Selbstbild aufrechtzuerhalten.
Denn was passiert, wenn wir uns wirklich sehen?
Ohne Filter. Ohne Ausreden.
Ich glaube, viele würden daran zerbrechen.
Ich fast auch.
Aber ich schreibe.
Und Schreiben ist mein Weg, nicht zu vergessen, dass ich trotz allem noch handle.
Noch bin. Noch denken kann.
Und in diesem Kreislauf – dieser endlosen Spirale aus Verstehen, Verleugnen, Erkennen, Schmerz, Rückzug, Verstehen – frage ich mich:
Wann hört es auf?
Wann ist ein Schmerz zu oft gespürt worden, um noch einen Zweck zu erfüllen?
Vielleicht nie.
Vielleicht ist das der Preis der Bewusstheit: dass nichts je ganz vergessen wird.
Aber vielleicht – nur vielleicht – wird der Schmerz irgendwann leiser.
Nicht, weil er geht. Sondern weil ich ihn nicht mehr bekämpfe.
Vielleicht muss man verstehen, dass es weh tut, um nicht mehr gegen das Verstehen zu kämpfen.
Und vielleicht liegt genau darin – in diesem bittersüßen Brennen – die ehrlichste Form von Wachstum.
Nicht als Erleuchtung.
Sondern als stille, schmerzhafte Zustimmung zu dem, was ist.
Und zu dem, was ich bin.
Heute tut es weh zu verstehen.
Und das ist okay.




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